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Die Ortswehr

Es war im kritischen Jahre 1940 an einem prächtigen Frühlingsabend. Blutrot sank die Sonne hinter fernen Hügel, als ein Trüpplein von 24 Männern mit festem Schritt aus ihrem Dorfe marschierte.

Lustig flatterte voraus die eidgenössische Fahne, begleitet von zwei Jungen, deren einer ich war. Der Tambour gab sich alle erdenkliche Mühe, schlug kräftig auf das Fell, so dass überall, wo wir durchmarschierten, „gwundrige“ Gesichter hinter den Vorhängen und Stallfenstern hervorlugten und halb belustigt der bewaffneten Schar nachblickten. Das war unsere Ortswehr, die zur Verteidigung ins Nachbardorf zog.

Von uns Fünfzehnjährigen bis zum ältesten, dem Sternenwirt, war alles wie verzaubert, als wir so mit Gewehr und Fahne der roten Sonne entgegenzogen, und jeder, ob grau oder blondhaarig, spürte in seinem Innern ein Gefühl, wie es wohl Winkelried verspürt haben mag, bevor er sich entschloss, einen Arm voll Speere zu nehmen.

Nach halbstündigem Marsch begann die Feier. Mit zündenden Worten sprach der Oberst auf seinem Podium, so dass es mir gar patriotisch ums Herz wurde und ich meinen Karabiner noch fester in die Hände schloss. Darauf wurde die Eidesformel verlesen. Mit tiefen Bass kam es von den Alten her: „Wir schwören es“, und wir drei Jungen schämten uns fast, dass unsere Stimme noch nicht gebrochen war.

Doch die Alten behandelten uns wie ihresgleichen, klopften uns freundschaftlich auf die Achseln, und als der Ortswehrkommandant uns nachher gar in den „Löwen“ einlud, da hätte ich alles für mein Vaterland gegeben. Doch dann erlebte ich die kälteste Dusche meines Lebens, nämlich als der Kommandant bestellte. „Fräulein“, sagte er, „bringed Si mier es grosses Bier und däne zwöi en Sirup, si händ en verdient!

Quelle: Büchlein Leben in der Schweiz, 1949

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